Craft Bier – Have fun (Teil 2 von 2)

10 Apr, 2013
von Marc Rauschmann
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Craft Brewing. Die Begeisterung für das Brauen hielt bei mir an, mehrere Praktika und ein Studium in Berlin folgten. Im Jahr 2010, also 22 Jahre nach meinen ersten Hausbrauerfahrungen und nach acht Jahren im Brauerberufsleben, war die Konsequenz die Gründung von BraufactuM. Ziel ist es nun, das Craft Bier in Deutschland mit all seinen Facetten voranzubringen. Aber: Was ist eigentlich Craft Bier?

Craft bedeutet wörtlich übersetzt Handwerk. Es bedeutet nicht, dass es der kleine Kupferkessel sein muss. Es geht vielmehr um den Spaß am Brauen und an den tollen Bieren.

Craft steht für eine Philosophie des Bierbrauens. Folgende Punkte sind dabei für mich essentiell.

1)     Spaß an vielfältigen und auch überraschenden Geschmackserlebnissen

Vielfalt bedeutet nicht, dass nur die tollen Sorten, die in Deutschland bereits bekannt sind – wie Pils, Weizen oder Zwickel – oder Biere, die in der aufkommenden Craft Bier Szene gerade angesagt sind (wie das IPA), gebraut werden. Es geht darum, immer wieder etwas Neues auszuprobieren, offen zu sein, neue Bierstile auszutesten oder auch schwerer zu erschließende, polarisierende Sorten zu brauen. Bier bietet viel mehr Möglichkeiten als alle anderen Getränke, bringt man die dazu notwendige Offenheit mit.

2)     Begeisterung – mitunter auch Besessenheit – für Geschmack und Qualität

Der Braumeister und das gesamte Team leben für ihr Bier. Das Bier steht im Mittelpunkt, das ganze Handeln ist darauf ausgerichtet, die beste Qualität zu brauen und zu erhalten. „Alles aus einer Hand“ verleiht dem Bier Authentizität. Craft Bier Brauer kennen einander, treffen sich auf Veranstaltungen, tauschen sich aus. Craft Bier Brauer ist man nicht nur montags bis freitags an acht Stunden pro Tag, als Craft Bier Brauer lebt man die Philosophie 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die besten Ideen kommen oft in der Nacht, wenn man einmal zur Ruhe kommt.

3)     Mut gehört zur Begeisterung dazu

Es ist der Mut, über den Tellerrand hinauszuschauen. Ein hopfenbetontes Bier ist erst der Anfang. Es ist der Mut, neue Wege zu wählen, der Mut, neue Partnerschaften einzugehen – alles aus tiefster innerer Überzeugung. Im Wettbewerb nur zu kopieren, ist nicht mutig, den Markt mit Neuem zu erschließen – das ist Craft.

4)     Nur die besten Zutaten verwenden

Grundsätzlich wählt ein Craft Bier Brauer nur natürliche Zutaten für seine Biere aus. In Deutschland ist das durch das Reinheitsgebot vorgegeben. Für importierte Biere sind die natürlichen Rohstoffe erst recht wichtig, es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Ein Framboise aus Belgien sollte so also nur Früchte, jedoch keinen Sirup oder Zusatzstoffe wie Aromen, Süßstoff oder Schaumstabilisator enthalten.

5)     Kompromisslose Qualität liefern

Für die beste Qualität ist es nicht nur wichtig, gute Rohstoffe zu verwenden, es ist ebenso wichtig, dafür Sorge zu tragen, die tolle Qualität der Biere auch zu erhalten. Neben den Zutaten muss der Craft Bier Brauer die optimale Qualität im gesamten Prozess sicherstellen. Einem Craft Bier Brauer geht es vorrangig immer ums Produkt, daher wählt er für das Produkt die besten Flaschen aus. Er stellt außerdem sicher, dass das Bier schnell getrunken wird, beispielsweise in einem Brauereiausschank. Oder er sichert die Qualität durch eine ununterbrochene Kühlkette. Denn in einem oxidierten Craft Bier schmeckt man auch bei bestem Aromahopfen kein feines Hopfenaroma mehr.

6)     Wissenschaft und Technologie nutzen, um die Natur zu verstehen

Die Top Craft Brewer haben oft die am besten ausgebildeten Braumeister des Landes, die mit der hochwertigsten Technik arbeiten können. Beispielhaft sei an dieser Stelle nur auf Garrett Oliver oder Matt Brynildson hingewiesen. Diese Braumeister wissen genau, was sie tun. Ihre Brauereien sind auf dem technisch neuesten Stand, ihre Biere keine Zufallsprodukte. Frank Boon führt zum Beispiel ein Projekt mit der Universität Leuven durch, um genau nachvollziehen zu können, was bei der Spontangärung und der anschließenden Lagerung passiert. Gute Technik und eine fundierte Ausbildung widersprechen dem Craft Bier Gedanken nicht, sie helfen, faszinierende Biere zu brauen.

7)     Austausch mit Freunden

Um wirklich Neues herzustellen und selber zur Entwicklung von Neuem beizutragen, ist ein permanenter Austausch, insbesondere auch auf internationaler Ebene, unter Craft Bier Brauern unabdingbar.

8)     Fusion aus Tradition und Innovation

Ein Craft Bier Brauer pflegt die Tradition. Dies dient nicht zum Selbstzweck und erst recht nicht, um die Zeit und Innovation aufzuhalten. Er versteht, dass sich Tradition und Innovation nicht widersprechen. Alte Stile werden mit den teils verlorenen Ecken und Kanten und mit der bestmöglichen Technologie gebraut. Dabei ist mit Tradition nicht gemeint, unbedingt die alten Gefäße zu verwenden, sondern nach alten Rezepten und Ideen zu schauen. Ein gutes Beispiel ist das Hopfenstopfen, wie man es in Köln für das Kölsch anwendet. Letztendlich macht nicht der verwendete Kupferkessel das Bier besonders, besonders ist das, was man in diesem Kessel herstellt.

9)     Regeln brechen

Ein Craft Bier Brauer ist besessen von seinen Ideen und probiert sie aus. Er lässt sich nicht durch Vorgaben einengen. An dieser Stelle möchte ich nochmal auf Jean Pütz und seine Hartnäckigkeit bei den Verhandlungen mit dem Bundesfinanzministerium hinweisen. Ein Craft Bier Brauer macht alles, um die besten, aromatischsten und dabei natürlichen Biere herzustellen. Deutsche Bierstile sind mit dieser Intention zwar – ebenso wie ein IPA -automatisch nach dem Reinheitsgebot gebraut, nicht aber weil das die alles entscheidende Vorgabe ist, sondern weil es sich natürlich ergibt.

10)  Last but not least gehört für mich bei einem Craft Bier Brauer, wie eigentlich für jeden Menschen, ein werteorientiertes Handeln dazu. Neben einem bewussten Umgang mit der Umwelt ist auch die Art und Weise des Umgangs im Team, mit Partnern, Kunden, Freunden, aber auch den Wettbewerbern ein wichtiges Merkmal.

Diese Punkte und die Craft Bier Philosophie lassen sich gut mit dem amerikanischen Slogan „Have Fun“ zusammenfassen. Nicht um unbedingt Amerika und Anglizismen bemühen zu müssen. Für mich und mein Team war es beeindruckend, in den USA zu sehen, wie dieser Slogan mit Leben gefüllt ist. Durch den Spaß am Brauen und dem Erlebnis Craft Bier entstand und entsteht eine unglaubliche Begeisterung unter Brauern und in der Bevölkerung.

„Have Fun“, also Spaß haben bei dem was und wie man es tut, vereinfacht vieles. Es ist keine Einbahnstraße vom Brauer zu den Konsumenten, sondern ein gemeinsamer Weg der – wie könnte es anders sein – viel Freude macht. Es fällt so leicht, die aufkommende Szene aus Bierbegeisterten, den sogenannten Beer Geeks, aktiv einzubeziehen. Das Feedback ist sehr wichtig und trägt maßgeblich zu der Entwicklung der Craft Biere bei. Es sind die Blogger, die Biersommeliers, die Bier-verrückten Journalisten, die Veranstalter von Events und die steigende Zahl begeisterter Konsumenten, die ihren Anteil an der deutschen Craft Bier Bewegung haben. Essentielle Voraussetzung ist immer die ehrliche, offene und konstruktive Kommunikation untereinander. Engstirnigkeit und unqualifizierte Vorurteile sind überflüssig und störend. Da der Braumeister eines Craft Bieres bekannt ist, kann jeder direkt mit ihm sprechen, sich erkundigen. Das erhöht die Qualität der Kommunikation – zumindest bei denjenigen, die daran auch Interesse haben. Und wer beispielsweise auf dem „Braukunst Live Festival“ in München war, konnte aktiv erleben, wie man gemeinsam das Thema Craft Bier in Deutschland entwickelt und dabei viel Spaß haben kann. Bei dieser Entwicklung müssen wir nicht immer neidisch nach Amerika schauen, auch wenn wir dort und in anderen Ländern viel lernen können. In Deutschland sind wir bereits dabei, unseren eigenen Weg zu gehen. Denn jedes Land hat seine eigene Geschichte und eine andere Ausgangssituation. So wie es Aufgabe eines jeden selbstbewussten Craft Bier Brauers ist, seinen eigenen Weg zu finden und nicht einfach den Wettbewerb zu kopieren, ist es Aufgabe eines zu Recht selbstbewussten Bierlandes, einen eigenen Weg beim Thema Craft Bier einzuschlagen. Alles andere wäre schade und würde unserer langen Biertradition nicht gerecht werden.

Marc Rauschmann

Marc Rauschmann

Vor mehr als 20 Jahren wurde Marc Rauschmann durch die „Hobbythek” zum Heimbrauer. Die ersten Biere braute er zunächst noch mit dem 20 Liter fassenden Entsafter-Topf seiner Mutter. Die Leidenschaft für die aromatischen, natürlichen Zutaten des Bieres wuchs und mit ihr auch die Ausstattung. Wenig später braute Marc Rauschmann mit einem alten Kupferwaschkessel über offenem Feuer im Garten bis zu 100 Liter Bier für den Eigenbedarf und für Freunde. Früh entwickelte er die Idee, das Kulturgut Bier neu zu interpretieren. Zusammen mit seinem Geschäftsführerkollegen Thorsten Schreiber, gründete er 2010 "Die Internationale Brau-Manufacturen GmbH". Mit der Marke BraufactuM brachte Marc Rauschmann die Craft Bier Bewegung nach Deutschland, die bereits in Ländern wie den USA, Großbritannien oder Italien etabliert war. Damit erfüllte sich seine Vision: Zum einen kann er mit BraufactuM das Brauhandwerk neu interpretieren und raffinierte Eigenkreationen entwickeln, zum anderen seine Suche nach den weltweit besten Craft Bieren fortsetzen und deren Bandbreite präsentieren.

Kommentare

One thought on “Craft Bier – Have fun (Teil 2 von 2)

  1. Bierfreund 9. Mai 2013 um 18:29 -

    Danke, gefällt mir!

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