Frank Böer und seine Eindrücke zur BRAUKUNST LIVE! 2014

20 Mrz, 2014
von Frank-Michael Böer
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Vom 21. – 23. Februar fand in München das dritte BRAUKUNST LIVE! Festival statt, seit 2012 quasi aus dem Stand Pflichttermin der jungen deutschsprachigen Craft Bier Szene. Die – ziemlich beeindruckenden – Zahlen sind schnell erzählt: 7.800 Menschen Besucher, ein Zuwachs gegenüber 2013 von rund 45 Prozent. Am zweiten Tag schlossen wegen des großen Andrangs sogar vorübergehend die Tore. Über 100 Aussteller präsentierten über 120 Brauereien aus 10 Ländern. Insgesamt gab es weit über 700 Biere zu verkosten. Es ist noch nicht lange her, da hätte wohl keiner etwas Derartiges hierzulande für möglich gehalten…

Am schönsten aber sind nicht die Superlative, sondern ganz andere Dinge, die auf und zwischen den Zeilen der letzten BRAUKUNST LIVE! zu beobachten waren: Natürlich tritt jede Brauerei auf dem Festival für sich selbst an. Aber andere (auch und gerade internationale!) Brauer und ihre Biere werden nicht mehr als Konkurrenz gesehen, die es um jeden Preis fern zu halten gilt. Stattdessen freut man sich aufeinander und empfindet die Arbeit des anderen als Bereicherung und Inspiration. Die BRAUKUNST LIVE! trug daher deutliche Züge eines großen Familientreffens der Bier-Szene. An mehreren Stellen trat in Podiumsdiskussionen sehr deutlich zutage, dass frühere Gegensätze unter Brauern unterschiedlicher Größe immer mehr ihre Bedeutung verlieren (…zumindest bezogen auf das Spezialitäten-Segment im Biermarkt): So mancher der Großen honoriert inzwischen absolut den Beitrag der neuen, jungen Craft Brewer, die den Fokus (statt ausschließlich auf den Preis) endlich wieder auf Qualität, Vielfalt und Spaß (!) legen. So mancher „Kleine“ dagegen erkannte in den Gesprächen die Bedeutung an, die gerade größeren Brauereien beim Aufbau eines echten Marktes für die neuen Biere zukommen dürfte. Somit verwischen plötzlich alte „Feindbilder“ und es sind jene differenzierten Meinungen und Zwischentöne, die in meinen Augen den sehr besonderen „Spirit“ der BRAUKUNST LIVE! 2014 ausgemacht haben. Wenn das für die Zukunft der deutschen Szene nicht mehr als hoffen lässt! Hoch interessant zudem: In den ersten beiden Jahren wurde das Reinheitsgebot auf dem Festival öfter kontrovers diskutiert. Inzwischen, so scheint es, hat das Thema eine Menge Konfliktpotential verloren. Denn so ziemlich jedem Besucher wie Brauer ist mittlerweile klar, dass man mit modernen Hopfen- und Malzsorten, ebenso wie mit Reifungen in Whisk(e)y- oder Weinfässern, sensationelle neue Biere brauen kann… ganz ohne jede Diskussion, ob das denn nun „legal“ geht oder nicht: Es „geht“ nicht nur – sondern es geht mit oft spektakulärem Ergebnis. Was beweist: Das Reinheitsgebot wurde in der Vergangenheit oft genug missbraucht – als lediglich Alibi für mangelnde Innovation und unspannende Biere! Doch diese Zeit ist mehr und mehr Geschichte.

Es sind gerade solche Beobachtungen, die die letzte BRAUKUNST LIVE! für mich sehr besonders gemacht haben. Im Spiel zwischen Tradition und Aufbruch entsteht ein neues Produktimage. Künftig wird es auch beim Bier – bei aller Konkurrenz – viel mehr „Miteinander“ geben. Dies ist ein Weg, der Sensibilität und Fingerspitzengefühl auf allen Seiten erfordert. Alte Konflikte und Gegensätze können darüber immer mehr in den Hintergrund treten, da sie für den Aufbau eines Spezialitätenmarktes kaum noch Bedeutung haben (da dieser eigenen, neuen Regeln folgt). Last but not least: Viele Besucher und Genießer – und zwar gerade die, die sich jetzt erst von dieser neuen Kultur angezogen fühlen! – scheinen viel offener und experimentierfreudiger, als derzeit noch so mancher Brauer… was für eine Chance! Die letzte BRAUKUNST LIVE! hat in meinen Augen gezeigt, dass die deutsche Bierszene derzeit definitiv einen ganz neuen, eigenen Weg beschreitet. Das ist eine bahnbrechende Entwicklung: Ein neues Kapitel in der deutschen Braugeschichte hat begonnen, die wir als Brauer, Genießer und Veranstalter begleiten und gestalten dürfen. Wie faszinierend! Denn wie gesagt: Es ist noch nicht lange her, da hätte beim Bier keiner so etwas auch nur annähernd für möglich gehalten.

 

Für alle Craft Bier Fans: Vom 17. – 19. Oktober findet in der Bochumer Jahrhunderthalle die “Finest Spirits & Beer Convention Rhein/Ruhr 2014“ statt, ein Festival für Whisky, Spirits, gute Biere und dazu passende Genuss-Themen Mitten in NRW.

Mehr Informationen unter: http://www.fsb-convention.com/home/

 

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Frank-Michael Böer

Frank-Michael Böer

Frank-Michael Böer (Jahrgang 1964) ist Gründer und Veranstalter der Braukunst Live!, die seit der Premiere im Jahr 2012 aus dem Stand Leitmesse der deutschsprachigen Craft Bier-Bewegung geworden ist. Ziel des Festivals ist es, die handwerklich gebraute Bier-Spezialität als vielfältiges, hochwertiges und junges Genussmittel zu präsentieren, das in Sachen Internationalität, Modernität und Qualität guten Weinen oder Spirituosen in nichts nachsteht. Die Braukunst Live! wurde für diesen Ansatz im April 2013 vom Bayerischen Brauerbund und dem Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband mit der "Goldenen Bieridee" ausgezeichnet. Vorlage und Schwesterveranstaltung ist die ebenfalls von Frank Böer veranstaltete FINEST SPIRITS, die sich seit 2005 aus kleinen Anfängen zum inzwischen zweitgrößten Verbraucherfestival für Edelspirituosen in Europa entwickelt hat.

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